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Marktplatz Recklinghausen 1895 Grundriss der Geschichte Recklinghausens.I. Politische, kirchliche und rechtliche Geschichte Ersterwähnung 1017, mutmaßlich karolingischer Siedlungsursprung (urkundlich nicht belegt, archäologisch erschlossen) bestehend aus königlicher, später erzbischöflich-kölnischer Haupthofanlage auf abfallendem Plateau südlich des Vestischen Höhenrückens. Befestigter Burghof stand in Verbindung mit vermutlich ebenfalls karolingischem Urkirchspiel (Ersterwähnung 1166, kölnisches Patrozinium St. Petrus), welches die Christianisierung des Emscher-Lippe-Raumes maßgeblich gestaltet und zahlreiche Tochterkirchen hervorbringt. Im Hochmittelalter entwickelt sich südlich der Petruskirche (spätromanischer Kirchbau von 1247 mit reicher Innenausstattung, seit 1500 mit Geläut aus bedeutender niederländischer Glockengießerei van Wou) eine befestigte, rasch expandierende Marktsiedlung (oppidum) mit gitterförmigem Straßennetz. Recklinghausen dient seit Ende des 12. Jahrhunderts als Zentralort für kölnische Hochgerichtsbarkeit, ebenso für den Kleingau und Pfarrsprengel zwischen Emscher und Lippe. 1236 erfolgt steuerrechtliche Privilegierung Rs. durch Erzbischof Heinrich von Müllenark (sog. Stadtgründung), jedoch ohne ausdrückliche Verleihung von Stadtrechten. Siegel- und Münzprägerecht schon im 13. Jahrhundert (kölnischer Denar münsterscher Prägung) belegt, von 1253 datiert ältester Siegelabdruck des Recklinghäuser Stadtsiegels (vermutlich in den 1240er Jahren entstanden). 1256 urkundliche Erwähnung eines (erzbischöflich gestifteten) Rathausgrundstückes (domus publica) am Marktplatz westlich der Petruskirche, 1508 zweiter Rathausbau nach verheerendem Stadtbrand von 1500; 1847 erneuter Rathausbau auf selbigem mittelalterlichem Grundstück. Von Ende des 12. Jahrhunderts bis 1802 gehört Recklinghausen politisch und rechtlich zum Erzstift Köln. Grundlage ist der auf fränkischem Gogericht beruhende Jurisdiktionssprengel kurkölnischer Hoch- und Blutgerichtsbarkeit zwischen Emscher und Lippe (13. Jahrhundert: iudicium Recklinghausen, seit 14. Jahrhundert: Vest Recklinghausen). 1296 Zerstörung und Wiederaufbau ringförmiger Stadtbefestigung, erweiterte Ringmauer mit 5 Toren und 9 Türmen (2 erhalten) ausgebaut 1344-1345 (seit 1839/40 schrittweise niedergelegt). Stadtbrände: 1247, 1469, 1500, 1607, 1646, 1686, 1890; erhebliche Kriegszerstörungen 1583/84, 1598/99 und 1940-1945. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelt sich eine Bürgermeister- und Ratsleuteverfassung mit eigener kommunaler Gerichtsbarkeit, Hansemitgliedschaft reicht von 1316 bis 1618. Von 1403 datiert urkundliche Ersterwähnung des Gasthauses zum Hl. Geist, mit später drei dotierten Altarvikarien. Urkunden- und Amtssprache von ca. 1350 bis ungefähr 1580 (mittel-) niederdeutsch, danach unter gegenreformatorischem Einfluss frühneuhochdeutsch. Finanzielle Nöte des Erzstifts Köln führen zur Verpfändung von Stadt und Vest Recklinghausen 1446-1576. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts war Recklinghausen dauerhaft Amtssitz kurkölnischer Statthalter (in sog. Engelsburg), 1736 Bau der heutigen Hl.-Geistkirche. 1802/03 erfolgt noch vor Inkrafttreten des sog. Reichsdeputationshauptschlusses Übergang von Stadt und Vest Recklinghausen an das Herzogtum Arenberg als Ausgleich für territoriale Verluste im belgisch-wallonisch-rheinischen Raum, dabei steht Recklinghausen im Range einer Residenzstadt. Zugleich beginnt französischrechtliche Reformierung von Verwaltung und Justiz mittels schrittweiser Rezeption der fünf napoleonischen Gesetzbücher, einschließlich des Personenstandswesens. 1811-1813 schließt sich Zugehörigkeit zum Großherzogtum Berg an, mit Einführung napoleonischer Städteverfassung mit weisungsgebundenem Maire (Bürgermeister) und Beigeordneten (Adjunkten); Mit Rechtswirkung der Wiener Schlussakte erfolgt 1815 Eingliederung in den preußischen Staatsverband, 1816 schließlich auch die Einbettung in die preußische Provinz Westfalen, in den Regierungsbezirk Münster und in den Kreis Recklinghausen seit 1816 existiert auch ein Land- und Stadtgericht Recklinghausen. Aus der Mairie Recklinghausen wird die Bürgermeisterei Recklinghausen (umfasst Recklinghausen selbst nebst umliegenden Ort- und Bauerschaften). Traditionelle kirchliche Zugehörigkeit zum Erzbistum Köln endet de jure erst 1821 mit der Neuordnung und Neuzuschnitt katholischer deutscher Kirchenprovinzen durch die päpstliche Bulle: De salute animarum, seit 1821 liegt Recklinghausen somit im Einzugsbereich des Bistums Münster. 1844-1856 gehört die Stadt Recklinghausen zum gleichnamigen Amt, mit Festlegung der Gemeindegrenzen inklusive 1831f. privatisierter Allmende im Emscherbruch. 1837 ist das Jahr der Einführung der reformierten preußischen Städteordnung in Recklinghausen, seit 1851 besteht ein Kreisgericht für den Kreis Recklinghausen und Lüdinghausen (später auch mit Staatsanwaltschaft), mit dem Jahr 1879 (Inkrafttreten der Reichsjustizreformen) ist Recklinghausen Sitz eines preußischen Amtsgerichtes. 1901 erfolgt nach Überschreiten der relevanten Einwohnerzahl von 30.000 Einrichtung eines selbständigen Stadtkreises Recklinghausen (sog. Auskreisung) mit dem Recht, einen Oberbürgermeister zu stellen, aufrechterhalten als kreisfreie Stadt Recklinghausen bis zur kommunalen Gebietsreform 1974/75. 1908 bezieht die Stadtverwaltung den neuen Rathausbau im Stil der Weser-Renaissance am Erlbruch (auf ehemals erzbischöflichem Feuchtgebiet), vom gleichen Jahr datiert Einführung des neuen Stadtwappens mit dreitürmiger Zinnenkrone und traditioneller Stadtabbreviatur im Schild. Seit Ende 1922 ist Recklinghausen Amtssitz eines Polizeipräsidiums, zunächst behindert durch französisch-belgische Ruhrbesetzung 1923-1925 (1922-1945 mit Polizeiämtern in Bottrop, Buer, Gladbeck, Gelsenkirchen), aufgelöst 1945, Wiedereinrichtung erfolgt 1953 mit Neuordnung des staatlichen Polizeiwesens im Land NRW. 1926 wird die Eingemeindung vorindustrieller Kirchdörfer und Bauerschaften entlang der west-östlichen Stadtgrenze vollzogen, darunter auch die 1895 planmäßig angelegte Bergarbeiterkolonie Hochlarmark mit Zeche Recklinghausen II (sog. Dreieckssiedlung) sowie das Dorf Suderwich und die Bauerschaft Röllinghausen mit Zeche „König Ludwig“. Mai 1945-April 1946 amtiert ernannter (nicht gewählter) Bürgermeister mit Verwaltungsbeirat. Am 1.4.1946 Inkrafttreten der revidierten Deutschen Gemeinde-Ordnung nach englischem Muster, Stadtverfassung nach Vorbild der sog. norddeutschen Ratsverfassung mit Doppelspitze aus (Ober-) Bürgermeister und Stadtdirektor, daraufhin Installation einer zunächst durch britische Militärbehörde ernannten Stadtvertretung auf Grundlage der letzten freien Kommunalwahlen von 1932, seit Juli 1946 besteht Zugehörigkeit zum Land NRW. im ist Recklinghausen Tagungsort für Gründungsversammlung der CDU in der britischen Besatzungszone. Im Oktober 1946 erste freie und demokratische Kommunalwahlen (im 5-Jahres-Turnus); 1999 erstmalige Umsetzung und Anwendung nordrhein-westfälischer Kommunalverfassungsreform vom Mai 1994 mit Direktwahl des Bürgermeisters als Hauptverwaltungsbeamten. II. Wirtschaft, Bevölkerung, Infrastruktur 1842 beginnt preußischer Chausseebau in Süd-Nord-Richtung mit Streckenführung über Bochum-Herne-Recklinghausen, später auch nach Haltern (bis Münster); moderner Nahverkehr entwickelt sich seit 1898 durch Straßenbahnlinie Recklinghausen-Herne und Recklinghausen-Wanne-Eickel (1905). Eisenbahnbau seit 1870 anfänglich durch Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft, mit ältester Strecke über Wanne-Recklinghausen-Haltern-Dülmen-Münster; 1877 Einweihung des Bahnhofs Recklinghausen, 1881 Eröffnung des Bahnhofs Recklinghausen-Bruch. 1905 wird entlang der Nordgrenze des Ruhrgebietes die Strecke Hamm-Recklinghausen-Osterfeld eröffnet, seit 1914 besteht eine Hafenanlage mit Anschluss an den Rhein-Herne-Kanal. 1895 setzt flächendeckende Kanalisierung und Gasversorgung ein, gefolgt von Elektrifizierung privater Haushalte ab 1905. Nach 1815, unter preußischem Einfluß allmählicher Anwachs protestantischer Bevölkerungsanteile, Mehrheit der Einwohner traditionell katholisch; starker Bevölkerungsanstieg von ca. 3.500 (1850) über 35.000 (1900) auf 65.000 (1914), ab 1890 mitverursacht durch massiven Zustrom polnischstämmiger, meist katholischer Arbeitsmigranten, welche um 1910 ca. 25 % der Gesamtbevölkerung stellen. Ende des 19. Jahrhunderts geschieht planmäßiger Ausbau des neuen Stadtteils „Bruch“ (später „Süd“), seit 1901 vollzieht sich die Altstadt-Erweiterung durch Anlage des Wallringes entlang der alten Stadtmauer und durch Neustadt-Bebauungsplan des seinerzeit bedeutendsten deutschen Städtplaners H.-J. Stübben. Vorherrschend bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind kleine bis mittelständische Unternehmerschaft im Manufakturwesen (Leinwandwebereien, Spinnerei- und Mühlenbetriebe, Ziegeleien, Papierfabriken, Brauereien, Destillerien) sowie Handels- und Gewerbetreibende mit landwirtschaftlicher Eigenversorgung bzw. agrarischem Nebenerwerb (sog. Ackerbürger). Beginn des neuzeitlichen Krankenhauswesens durch Gründung des Prosper-Hospitals im Jahre 1848 in Gestalt herzoglich Arenbergischer Stiftung, weitere Krankanhausgründungen 1901: Elisabeth-Stift, 1906: Knappschaftskrankenhaus. 1855 Eröffnung der Kreissparkasse Recklinghausen, 1872 folgt Gründung der Stadtsparkasse Recklinghausen Entwicklung des modernen kommunalen Feuerlöschwesens beginnt mit Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Recklinghausen-Altstadt im Jahre 1878 Beginn des Montanzeitalters durch Gründung der Zeche „Clerget“ am nördlichen Emscherufer 1864-1869 (später Zeche „Recklinghausen I“, zweitälteste Schachtanlage nördlich der Emscher, 1931 stillgelegt), wenig später (1873) Gründung des Bergwerkes „General Blumenthal“ südlich der Altstadt; 1882 folgte „Clerget II“ (später „Recklinghausen II“) in Hochlarmark (bis 1926 noch außerhalb der Stadtgrenzen), des weiteren entstand 1872-1889 auf dem Gebiet der Gemarkung Röllinghausen das Bergwerk „König Ludwig“. Mechanisierter Kohleabbau führt um 1900 auch zum Aufschwung neuer mittelständischer Industrie im Bereich Kohle- und Metallverarbeitung, Maschinenbau und Bergwerksbedarf (Kokereianlage Still, Eisengießerei Stolle, Bischoff-Werke, Ibing-Werke, seit 1907/08 Eisenbahnausbesserungswerk südlich der Hamm-Osterfelder Bahnstrecke), 1959 stillgelegt, seit 1964 weitergenutzt durch ein LKW-Instandsetzungsdepot britischer NATO-Truppen (bis 1991). Daneben existieren auch kleine textilproduzierende Betriebe. Zechen- und Industrieanlagen beschäftigten 1940-1945 Tausende osteuropäischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, untergebracht in Barackenlagern, eines davon in Recklinghausen-Hillen. Dieses wird 1945-1948 umgewidmet in das alliierte Internierungslager für NS-Verbrecher (sog. Camp IV) mit Einzugsbereich in ganz Westdeutschland. Unterschiedlich starke Kriegszerstörungen im Stadtgebiet durch Luftkriegseinwirkung 1944/45, insbesondere im Bereich der Altstadt sowie im sog. Nordviertel (verursacht durch großen Tagesangriff Ende März 1945). Statistischer Großstadtwert von 100.000 Einwohnern wird im Mai 1949 überschritten, v.a. durch Zustrom Heimatvertriebener, später auch südeuropäischer Arbeitskräfte, der Höhepunkt ist um 1960 mit 132.000 Einwohnern erreicht (zur Zeit: 124.000 Einwohner). 1950-1953 Errichtung der sog. ECA-Siedlung in Recklinghausen-Schimmelsheide, konzipiert aus Wohnungsbauprogramm für Bergleute mit Fördermitteln des sog. Marshall-Plans (515 Eigenheime, 655 Wohnungen). 1963-1991 ist Recklinghausen NATO-Garnison britischer Instandsetzungseinheiten (sog. Preston Barracks auf dem Gelände des ehem. Reichsbahnausbesserungswerkes in Recklinghausen-Ost). Die Krise montanindustrieller Monostruktur - bis in die 1960er Jahre sind nahezu 40 % aller erwerbstätigen im Steinkohlebergbau beschäftigt - setzt mit Schließung der Zechen „König Ludwig“ (1965) und „Recklinghausen II“ (1974) ein; Stillegung des Verbundbergwerkes „Blumenthal/Haard“ beendet 137 Jahre Steinkohlebergbau in Recklinghausen, Strukturwandel ist seit 1980er Jahren in vollem Gange. III. Kultur und Bildung Städtische Lateinschule (seit 1421 belegt) ist älteste Bildungsanstalt, 1730-1820 in franziskanischer Regie, danach wiederbegründet als (städtisches) Gymnasium Petrinum, mit historisch wertvoller Lehrerbibliothek. Seit 1890 existiert ein vom Ortsverein getragenes Heimatmuseum (1922 umbenannt in Vestisches Museum, nunmehr in städtischer Trägerschaft), im selben Jahr wird auch das Stadt- und Vestische Archiv mit territorialgeschichtlich reichhaltiger Altüberlieferung gegründet. 1933 erfolgt Bau der Trabrennbahn in Recklinghausen-Hillerheide, 1977 erweitert durch modernen Tribünenkomplex. Seit 1947 ist Recklinghausen Austragungsort der sog. Ruhrfestspiele (seit 1975 als sog. Europäisches Festival, ab 1970 begleitet durch „Junges Forum“), zunächst im städtischen Saalbau, seit 1965 regelmäßige Theateraufführungen im Festspielhaus (aufwendig gestalteter Theaterzweckbau, 1998 renoviert und erweitert, mit Monumentalskulptur von Henry Moore). 1947 auch städtische Stiftung des „Kunstpreises Junger Westen“; 1950 Einrichtung der Städtischen Kunsthalle im Gebäude eines ehemaligen Hochbunkers, jährliche Sonderausstellungen zu den Ruhrfestspielen; 1964-1977 Verleihung des Kulturpreises des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Recklinghausen. 1956 folgt Eröffnung des Ikonenmuseums aus reichhaltigen Beständen privater Sammler, Wiedereröffnung nach Umbauten 1990. Seit Ende 1996 existiert mit rund 130 Musikern die „Neue Philharmonie Westfalen“ mit Konzertsaal in ehemaligem Straßenbahndepot (Träger: Städte Gelsenkirchen und Recklinghausen, Kreis Unna), verschmolzen aus dem Philharmonischen Orchester Gelsenkirchen und dem Westfälischen Sinfonieorchester Recklinghausen. 1995/96 Eröffnung der Abt. Recklinghausen der Fachhochschule Gelsenkirchen, seit 1999 mit modernem eigenem Zweckbau (Fächerschwerpunkte: Wirtschaftsrecht, Ingenieur- und angewandte Naturwissenschaften). 2000 Einweihung des Museums „Strom und Leben“ im ehemaligen VEW Umspannwerk Recklinghausen. Mehr Geschichte |